Experteninterviews auswerten: von der Transkription zur Themenanalyse

Experteninterviews auswerten: von der Transkription zur Themenanalyse

Wer ein Experteninterview führt, hat danach zwei getrennte Aufgaben vor sich: erst ein Transkript erstellen, dann dieses Transkript auswerten. Die beiden Schritte werden in der Praxis oft vermischt, gehören aber zu unterschiedlichen Werkzeugen. Dieser Beitrag beschreibt beide – kurz den Weg zum Transkript, ausführlich die eigentliche Auswertung nach der qualitativen Inhaltsanalyse.

Ich betreibe Subanana, ein Transkriptionswerkzeug. Damit das hier keine verdeckte Werbung für eine Software wird, die etwas kann, was sie nicht kann: Subanana liefert Ihnen das Transkript mit Sprecherzuordnung. Die Kodierung und Kategorienbildung – der eigentliche analytische Teil – findet danach in einem separaten Schritt statt, meist in einer QDA-Software wie MAXQDA oder ATLAS.ti oder von Hand mit Farbmarkierungen. Beides läuft unten im Detail durch.

Schritt 1: Ein Transkript, das sich auswerten lässt

Eine Kodierung ist nur so gut wie das Transkript, auf dem sie aufsetzt. Für Experteninterviews braucht ein Transkript drei Dinge, die ein einfaches Diktiergerät-Abschreiben nicht automatisch liefert:

  • Sprecherzuordnung. Bei einem Experteninterview mit einer interviewenden und einer befragten Person muss jede Aussage eindeutig der sprechenden Person zugeordnet sein – sonst lässt sich später keine Aussage mehr zitieren, ohne noch einmal die Aufnahme zu prüfen.
  • Ein bearbeitbares Textformat. Für die Kodierung in MAXQDA, ATLAS.ti oder f4analyse muss der Text als DOCX oder TXT vorliegen, nicht als reines Untertitelformat ohne Zeilenumbrüche nach Sinnabschnitten.
  • Konsistente Zeichensetzung. Ein Transkript ohne Satzzeichen zwingt Sie, beim Kodieren ständig zwischen Text und Audio hin- und herzuspringen, um zu erkennen, wo ein Gedanke endet.

Wie Sie grundsätzlich zu einem Interview-Transkript kommen – manuell, mit kostenlosen Werkzeugen oder mit KI-Spracherkennung, inklusive der jeweiligen Zeitkosten – haben wir in Interview-Transkription: der Weg vom Audio zum Text im Detail beschrieben. Dieser Beitrag setzt an der Stelle an, an der das Transkript bereits fertig ist.

In Subanana entsteht dieses Transkript im Transkript-Modus: Sie laden die Aufnahme hoch oder importieren sie über einen öffentlichen Link, wählen die gesprochene Sprache, und die Sprecherzuordnung läuft automatisch mit – wahlweise mit einer manuell festgelegten oder automatisch erkannten Sprecheranzahl. Satzzeichen und Absätze werden dabei automatisch gesetzt, das lässt sich nicht abschalten, weil ein Lesetext ohne Interpunktion für die spätere Auswertung wenig nützt. Exportiert wird als DOCX, TXT, XLSX, SRT, VTT oder Markdown – für die Kodierung in einer QDA-Software ist DOCX oder TXT der relevante Export. Im Hintergrund vergleicht das System laufend mehrere Spracherkennungsmodelle und leitet jede Transkription an das für die jeweilige Sprache am besten bewertete Modell weiter; welches Modell das im Einzelfall ist, bleibt für Sie unsichtbar. Nach der automatischen Transkription läuft zusätzlich ein KI-Korrekturdurchgang, der einen Qualitätswert von 0 bis 100 vergibt und einzelne Verhör-Fehler vorschlägt – etwa falsch erkannte Fachbegriffe oder verwechselte Homophone –, die Sie einzeln bestätigen oder ablehnen; die Zeichensetzung selbst läuft, wie oben beschrieben, automatisch und ohne Bestätigungsschritt mit. Den direkten Einstieg gibt es über das KI-Transkriptions-Tool.

Bei Experteninterviews mit Fachvokabular lohnt es sich, Namen und Fachbegriffe vorab in eine Glossar-Liste einzutragen, damit sie bei der Transkription konsistent geschrieben werden – das erspart bei der späteren Kodierung eine Suchen-und-Ersetzen-Runde über das gesamte Transkript.

Welche Auswertungsmethoden gibt es für Interviews?

Für die Auswertung von Experteninterviews hat sich die qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring als verbreitetster Standard etabliert – ein regelgeleitetes, in einer festgelegten Abfolge beschriebenes Verfahren zur Auswertung textbasierter Daten, wie das Methodenzentrum der Ruhr-Universität Bochum es beschreibt. Daneben existieren die Grounded Theory (Kategorien entstehen iterativ direkt aus dem Material, ohne vorab festgelegtes System) und die thematische Analyse nach Braun und Clarke, die im englischsprachigen Raum verbreiteter ist als im deutschsprachigen. Für ein klassisches Experteninterview mit einer überschaubaren Zahl von Gesprächspartnerinnen und -partnern ist die qualitative Inhaltsanalyse in aller Regel die praktikabelste Wahl, weil sie ein festes Ablaufschema vorgibt, an dem sich auch Einsteigerinnen und Einsteiger orientieren können.

Wie kann man Experteninterviews nach Mayring auswerten?

Der Kern der qualitativen Inhaltsanalyse ist die Kategorienbildung: Sie legen fest, wonach im Transkript gesucht wird, und ordnen die entsprechenden Textstellen diesen Kategorien zu. Dabei unterscheidet die Methode zwei grundsätzliche Wege, wie diese Kategorien entstehen, so das Methodenzentrum der Ruhr-Universität Bochum: deduktiv mit einem vorab theoretisch hergeleiteten Kategoriensystem, oder induktiv, wobei die Kategorien erst aus dem Material selbst entstehen. In der Praxis kombinieren die meisten Experteninterview-Auswertungen beides – ein grobes deduktives Raster aus dem Interviewleitfaden, ergänzt um induktive Kategorien für Themen, die die befragte Person von sich aus einbringt und die im Leitfaden nicht vorgesehen waren.

Für die eigentliche Kodierarbeit definiert Mayrings Verfahren drei Einheiten, damit die Zuordnung nachvollziehbar bleibt und nicht von Fall zu Fall variiert:

EinheitFunktion
Kodiereinheitdie kleinste Texteinheit, die einer Kategorie zugeordnet werden darf
Kontexteinheitdie größte Texteinheit, die zu einer Kategorie gehören kann
Auswertungseinheitlegt fest, in welcher Reihenfolge die Textstellen ausgewertet werden

Quelle: Methodenzentrum Ruhr-Universität Bochum

Innerhalb dieses Rahmens unterscheidet Mayring drei Grundformen, die je nach Erkenntnisinteresse zum Einsatz kommen. Die Pädagogische Hochschule Freiburg beschreibt sie in ihrem Methodenportal QUASUS so:

TechnikZiel
Zusammenfassungdas Material so reduzieren, dass die wesentlichen Inhalte erhalten bleiben
Explikationzu einzelnen fraglichen Textstellen zusätzliches Material heranziehen, das sie verständlicher macht
Strukturierungbestimmte Aspekte anhand vorher festgelegter Ordnungskriterien aus dem Material herausfiltern

Quelle: QUASUS, Pädagogische Hochschule Freiburg

Für Experteninterviews ist die Strukturierung in der Praxis meist die passende Wahl: Sie legen anhand Ihrer Forschungsfrage Kategorien fest (deduktiv, häufig entlang der Abschnitte des Interviewleitfadens), kodieren das gesamte Transkript entsprechend dieser Kategorien und ergänzen unterwegs induktiv neue Kategorien für Aussagen, die keiner bestehenden Kategorie zugeordnet werden können. Am Ende steht pro Kategorie eine Sammlung von Zitaten aus allen geführten Interviews – das ist die Grundlage für den Ergebnisteil.

Welche Methodik wird bei Experteninterviews verwendet?

Neben der Auswertungsmethode zählt bei einem Experteninterview auch die Erhebungsmethodik selbst: meist ein leitfadengestütztes, halbstrukturiertes Interview – ein fester Fragenkatalog gibt die Struktur vor, lässt aber Raum für Nachfragen und Abweichungen, wenn die befragte Person einen Aspekt anspricht, der im Leitfaden nicht vorgesehen war. Für die anschließende Auswertung ist das relevant, weil ein halbstrukturiertes Interview typischerweise mehr induktive Kategorien hervorbringt als ein streng standardisiertes – die Abweichungen vom Leitfaden sind oft genau die Stellen, die inhaltlich am interessantesten sind.

Kodierung in der Praxis: mit welcher Software?

Für die eigentliche Kodierarbeit gibt es drei gängige Wege:

  1. QDA-Software wie MAXQDA, ATLAS.ti oder f4analyse. Sie importieren das Transkript (DOCX oder TXT), legen Ihr Kategoriensystem als Codebaum an und markieren Textstellen per Klick. Der Vorteil gegenüber Handarbeit: Sie sehen auf einen Blick, wie oft eine Kategorie über alle Interviews hinweg vorkommt, und können Kategorien nachträglich zusammenführen oder aufteilen, ohne das gesamte Transkript neu zu durchsuchen.
  2. Tabellenkalkulation. Bei einer kleinen Zahl von Interviews (grob bis zu zehn) reicht oft eine Tabelle mit den Spalten Zitat, Kategorie, Interview-ID und Zeitstempel. Der Export als XLSX aus dem Transkriptionswerkzeug spart hier den Schritt, die Textstellen manuell zu übertragen.
  3. Manuell mit Farbmarkierungen. Direkt im ausgedruckten oder digitalen Transkript mit Textmarkern – funktioniert, wird aber bei mehr als drei oder vier Interviews schnell unübersichtlich, weil sich Kategorien über mehrere Dokumente hinweg nicht mehr durchsuchen lassen.

Welcher Weg passt, hängt vor allem von der Zahl der Interviews und davon ab, ob am Ende eine Häufigkeitsauswertung über alle Kategorien gefordert ist (dann eher QDA-Software) oder ob es bei einer qualitativen Beschreibung bleibt (dann reicht oft die Tabelle).

Ablauf von der Interview-Aufnahme über das Transkript bis zur Themenanalyse: Aufnahme, Transkription mit Sprecherzuordnung, Export als DOCX, Kodierung in einer QDA-Software, Kategorien und Themen

Häufige Fragen

Welche Auswertungsmethoden gibt es für Interviews? Am verbreitetsten ist die qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring, daneben die Grounded Theory (Kategorien entstehen iterativ aus dem Material) und die thematische Analyse nach Braun und Clarke. Für ein klassisches Experteninterview ist die qualitative Inhaltsanalyse mit ihrem festen Ablaufschema meist die praktikabelste Wahl.

Wie kann man Experteninterviews nach Mayring auswerten? Sie legen ein Kategoriensystem fest – deduktiv aus der Theorie oder Ihrem Interviewleitfaden, induktiv ergänzt aus dem Material – und ordnen Textstellen den Kategorien zu (meist über die Technik der Strukturierung). Mayrings Verfahren definiert dafür Kodiereinheit, Kontexteinheit und Auswertungseinheit, damit diese Zuordnung nachvollziehbar bleibt.

Wie kann ich ein Experteninterview transkribieren, bevor ich es auswerte? Mit einer sprecher-getrennten, editierbaren Transkription als Ausgangspunkt – dazu im Detail unser Beitrag Interview-Transkription: der Weg vom Audio zum Text oder direkt über das KI-Transkriptions-Tool.

Welche Methodik wird bei Experteninterviews verwendet? Üblich ist ein leitfadengestütztes, halbstrukturiertes Interview: ein fester Fragenkatalog mit Raum für Nachfragen. Für die Auswertung liefert das typischerweise mehr induktive Kategorien als ein starr standardisiertes Interview, weil Abweichungen vom Leitfaden oft die inhaltlich ergiebigsten Stellen sind.


Ein Beispiel, wie ein rohes gegenüber einem bereinigten Interview-Transkript konkret aussieht, zeigen wir in einem eigenen Beitrag zum Thema. Wer den Transkript-Modus mit Sprecherzuordnung direkt testen möchte, findet die Preise auf der Preise-Seite; mehr zum Meeting- und Interview-Workflow generell auf der Seite KI-Meeting-Transkription.

Schluss mit dem Abtippen.

Aus Gesprochenem wirdArbeit, die Sie ausliefern können.

Kostenlos starten